Aubel ist ein freundliches, kleines Städtchen im Herzen des Herver Landes. Die Gemeinde hat etwa 4.000 Einwohner, zu denen sich dienstags und vor allem sonntags noch eine große Zahl an Auswärtigen gesellt, denn dann findet im Zentrum von Aubel der Markt statt. Besucher sollten sich viel Zeit lassen, man kommt zwischen den Ständen nur langsam voran, und zudem laden bei gutem Wetter die Terrassen der Lokale und Cafés zur Kaffeepause ein. Wenn man denn einen freien Sitzplatz findet - Markt in Aubel ist eben mehr als nur einen Einkauf wert. Er ist ein Ereignis.



Nicht zuletzt die regionalen Produkte machen das Marktangebot in Aubel so besonders, schließlich sind wir hier inmitten einer fruchtbaren Region, deren Spezialitäten weit über die Grenzen des Herver Landes berühmt sind. Zu nennen sind das Apfelkraut, Sirop de Liège oder Delice de Liège genannt, das neben Äpfeln auch Birnen von den zahlreichen Streuobstwiesen der Umgebung enthält und als Besonderheit für echte Schleckermäuler Datteln enthält. Zwei Betriebe stellen in Aubel die klebrige Köstlichkeit her, darüber hinaus auch noch Konfitüren sowie feinen Apfelsaft.


Meine erste Begegnung mit dem Sirop de Liège kam eher unerwartet zustande. Ich war eben nach Belgien gezogen und erkundete die Einkaufsmöglichkeiten im Ort. Dass man bei einer solchen Runde auch beim Bäcker landet, ist kein Wunder. Und der hatte auf seiner Theke eine kleine Käseglocke stehen, unter der sich eine weitere, kleinere Käseglocke befand, und unter dieser lagen drei oder vier in schlichtes Papier eingepackte, würfelförmige  Käse. Dieser merkwürdige Aufbau von Käseglocke unter Käseglocke erweckte mein Interesse, und so wollte ich einen der kleinen Klötze kaufen. Der sich beim Lüften der Glasdeckel entfaltende Duft ließ mich den Kauf schlagartig noch einmal überdenken. Nun war klar, warum gleich zwei Käseglocken die Außenwelt vor dem Käse schützten.


Mir fällt beim besten Willen keine Metapher ein, mit der ich diesen Hautgout beschreiben könnte, ohne dass Sie das Buch empört zuschlagen würden. Falls Sie den Herver Käse kennen, wissen Sie, wovon ich spreche, ansonsten lassen Sie einfach Ihrer Fantasie freien Lauf. Die Verkäuferin sah mir natürlich an, dass mein Kaufwunsch auf der Kippe stand und war klug genug, mir nicht etwa Bedenkzeit zu gewähren; sie griff stattdessen zu einem blaugrünen Topf und stellte ihn mit den Worten: „Das müssen Sie dazu essen!“, zum Käse. Nach Atem ringend, hatte ich gar keine Luft, um noch zu widersprechen, und so brachte ich denn einen schön reifen Herver Käse samt einem Pott Siroup heim.


Und in der Tat - beides zusammen auf einer Scheibe Brot ist eine Delikatesse, derer es nicht viele gibt. Zu einem schmeckt selbst  ein extrem reifer Herve  lange nicht so intensiv, wie er riecht, und das süße Kraut, großzügig darauf verstrichen, setzt den Akzent, durch welchen ein schlichtes Käsebrot zu einem von Bescheidenheit bei den Zutaten - nur Brot, Käse und Kraut - geprägten kulinarischen Hochgenuss macht. Daher findet man in vielen Geschäften der Region oft beides schon zusammen verpackt im Angebot.


Herver Käse, auch Limbourger genannt, gibt es in unterschiedlichen Qualitäten bzw. Reifegraden, und wer sich dem Produkt nur vorsichtig nähern möchte, findet überaus dezente Vertreter ihrer Art, die mit der Aufschrift „zacht“ für sich einnehmen möchten. Rasch wird der Genießer, so er denn offenen Herzens und Magens ist, sich dann anspruchsvollerer Herausforderungen stellen. Die höheren Weihen erlangt man schließlich, wenn man sich Herver Käse vom Bauernhof widmet, denn er wird nicht nur in mehr industriell ausgerichteten Käsereien wie der „Herve Société“ produziert, sondern auch in kleinen bäuerlichen Betrieben, deren Adressen manchmal gar nicht so einfach zu bekommen sind.


Ein Tipp: Der Markt in Aubel kann auch in Sachen Käse weiterhelfen. Und noch ein guter Rat: sind Sie dem Herve einmal verfallen - essen Sie ihn oft und reichlich, ob mit oder ohne Siroup, nur nicht gerade - und diesen Rat sollten Sie wirklich beherzigen - als Reiseverpflegung während einer Eisenbahn- oder Busfahrt. Es sei denn, Sie sind der einzige Fahrgast.



Im Zentrum von Aubel sieht man, gleich neben dem freundlichen Tourismusbüro, einen schönen, altmodischen Laden, Stassen Vin et Cie, der  neben einer imposanten Auswahl an Weinen, eigenem Apfelcidre, vielen regionalen Produkten sowie Spirituosen auch zahlreiche belgische Biere (sowie die jeweils passenden Gläser) anbietet. Eines dieser Biere wird kaum fünf Minuten Fahrzeit entfernt gebraut: das Val Dieu.


Lassen Sie sich ruhig etwas Zeit für einen Bummel durch Aubel. Zahlreiche Gebäude im Dorfkern sind im Stil Louis XIV, XV und XVI erbaut und sorgsam restauriert. Besonders pittoresk ist das Restaurant Vieux Aubel (Ortskern, Route de Battice) Auf dem gegenüber liegenden Friedhof findet man Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert. Einmal jährlich findet ein Künstlermarkt am jeweils ersten Wochenende im September statt. Ende Juli gibt es einen Straßenflohmarkt.


Für Freunde der kleinen Kuriositäten habe ich auch einen Tipp: Schräg gegenüber der Weinhandlung Stassen gibt es einen winzigen Tante-Emma-Laden, der innen noch richtig altertümlich eingerichtet ist und stets Bananen unterschiedlichster Reifegrade im Fenster hängen hat. Gehen Sie ruhig hinein; wer keine Bananen mag, kann auch einen Pott Delice de Liège kaufen. Alle Infos über die gesamte Region und mögliche Aktivitäten erhält man im Bureau de Tourisme gleich neben der Weinhandlung Stassen und auf der Website www.aubel.be


INHALT


Ein paar Worte über Belgien

Teil 1: Das Herver Land

Teil 2: Voeren – die flämische Exklave

Teil 3: Eupen, die alte Tuchmacherstadt

Teil 4: Im Eupener Land

Teil 5: Limbourg – die alte Hauptstadt

Teil 6: Das Hohe Venn

Teil 7: Spa

Teil 8: Malmedy

Teil 9: Südlich des Hohen Venns

Nachwort; Anhang; Linkliste,

Nützliche Tipps und Adressen




Streifzüge durchs östliche Belgien


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